Rezension

Hanna – Roberto De Lapuente

Sezierte Liebe

Emotional verstümmelte Gestalten tummeln sich in Houellebecqs Romanen. Sich schwer in andere verliebbare, an Karrierismus nagende, vertrauenslose Seelen, die vermutlich die literarische Figur unserer Zeit abliefern. Jede Epoche bringt literarische Charaktere hervor, die sich aus der Realität greifen lassen. Sie sind dabei Stilmittel. Der Anti-Held, verunsichert und in Liebesdingen rational und wissenschaftlich herangehend, das ist der Charakter der Stunde. Houellebecq trieb ihn auf die Spitze. Matthias Grabow sublimiert ihn in seinem ersten Roman, der für seine Fülle einen viel zu blassen Titel trägt. "Hanna" heißt der und stellt das Ringen einer jungen Liebe dar, die an Realitäten stößt.

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Rezension

Hanna – Hartmut Finkeldey

 

Natürlich bin ich involviert. Denn niemand anderes als ich habe dem Renneritz-Verlag Matthias Grabows „Hanna“ ja zur Publikation empfohlen. Aber ich hatte gute Gründe. Denn es handelt sich um eine der plausibelsten, stringentesten Erzählungen der Gegenwartsliteratur, die mir in den letzten Jahren untergekommen ist. Nicht einmal mit dem schieren literarischen Neid habe ich Probleme. Denn gegen die großen literarischen Vorzüge des anderen Texts gibt es nun einmal kein Rettungsmittel als die Liebe.
Es ist ein lakonischer Roman, aber wild in aller Lakonie. Die Story ist schnell erzählt; wie immer, wenn ein Roman ohne viel Abweichung konzentriert auf den Punkt kommt. Ein Biologe, Gentechniker, Spezialgebiet „Gerste“ – nicht Ingenieur der Seele gerade, aber so etwas wie ein Ingenieur der Biosphäre, akademischer Mittelbau an der Uni Stuttgart –, hat seine längst überlebte, zum Schluß nur noch nervtötende Beziehung beendet. Auf einer Fachtagung in Frankreich, in Dijon, begegnet er Hanna C. Johnson, einer Fachkollegin. Sie kommt aus den USA, und zwar aus Montana, wo es 40 Arten der Einsamkeit gibt, ist verheiratet mit einem Geisteswissenschaftler – eine ihrer Mutter geschuldete Heirat –, schläft aber seit Jahren nicht mehr mit ihm. In Dijon kommt es zu einigen gemeinsamen Abendvergnügungen – Essen-gehen in einer skurril-liebenswerten Lokalität, Museumsbesuche anstelle der Fachvorträge, ein Abend im Opernhaus. Aber die beiden bleiben verschämt wie ein 50er-Jahre Studentenpaar; eigentlich fehlt nur noch, dass sie sich siezen, und die Kettenhunde im Souterrain bleiben an der Leine.

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