Leben mit dem Dichter Paul Ernst ... - Horst Thomé

 

Else Ernst, die Witwe Paul Ernsts, hat Erinnerungen an ihren Mann hinterlassen, die zunächst fortlaufend in Der Wille zur Form veröffentlicht wurden. Im vorl. Band wird nun der letzte, thematisch in sich geschlossene Teil publiziert, der den Königsdorfer Jahren gewidmet ist. Die Ausgabe selbst erhebt keine editorischen Ansprüche (etwa hinsichtlich Texterstellung oder Kommentierung) und kann dies auch nicht, weil offenbar die dafür erforderlichen Ressourcen nicht zur Verfügung standen. Lediglich eine knappe, aber kenntnisreiche »Einführung« des Hrsg. skizziert heute längst vergessene biographische Hintergründe. Paul Ernst hat am Ende des Ersten Weltkriegs einen Bauernhof gekauft und bewirtschaftet, um sich vor dem ökonomischen Zusammenbruch zu retten. Werkbiographisch sind damit die partielle Verabschiedung aus dem Literaturbetrieb, die verstärkte Hinwendung zur religiösen ›Sinnproduktion‹ und die Arbeit am Großepos Das Kaiserbuch verbunden. Else Ernst berichtet in unprätentiöser, aber lebendig eindringlicher Erzählung von Paul Ernsts literarischer Arbeit (Werkentstehung und Selbstdeutungen des Autors), von seinem Austausch mit dem intellektuellen Umfeld (u.a. Max Weber, Dehio, P. Kluckhohn, W. Jaeger), aber auch von der Kindererziehung, von der bäuerlichen Arbeit oder von den Auswirkungen der politischen Umbrüche auf die Lebensverhältnisse einer damals noch weltfernen oberbayrischen Dorfgemeinde. Ihr Zeitgemälde ist aus der Perspektive einer wenn nicht gelehrten, so doch gebildeten, von den bürgerlichen Anschauungen der Vorkriegszeit geprägten, kulturkonservativen Frau entworfen und gibt so auch einen authentischen Einblick in eine damals nicht untypische Mentalität.

 

Horst Thomé in: Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen, Band 50 (2009), Heft 1–2, Tübingen 2009,     S. 368.

 

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