Ostseeripper - Roberto De Lapuente
Kriminalroman, nicht Kriminalromantik
Schaltet man abendlich ins Privatfernsehen, stöbert darin umher, so glaubt man die polizeiliche Arbeit zu kennen. Technologisierte Verfahren, DNS-Analysen, Massengentest, Beamte, für die keine grundgesetzlich fixierten Gebote im Umgang mit Zeugen und Tatverdächtigen mehr gelten. In Teasern bei RTL reißt sich ein rothaariger Ermittler stets gedankenschwanger die Sonnenbrille aus dem Gesicht und erklärt einem Tatverdächtigen, dass die in Windeseile ermittelte DNS gleich Licht ins Dunkle bringen werde und ihn ins Gefängnis – was technisch gar nicht so fix machbar ist, was das in dubio pro reo auf den Kopf stellt. Auf anderen Privatsendern dringen Beamte in Wohnungen ein und drohen Zeugen mit gesetzlichen Lügengebäuden. Kurz und schlecht, wie Polizeiarbeit heute nicht geschieht: ein Blick ins Fernsehen, selbst ein Blick in den Tatort – und man weiß es. Fälle werden durch handfeste Recherche gelöst, sagt Hartmut Finkeldey. Sein Erstling »Ostseeripper: Ein bürgerlicher Kriminalroman« baut auf diese Erkenntnis und unterscheidet sich positiv von all den Kriminalfiktionen, wie wir sie heute kennen.
Nun wäre es witzlos, die Handlung auch nur anzureißen. Krimielemente eben. Es gibt Leichen, einen vermutlichen Serienkiller, es gibt Ermittler … und es gibt Merrit. Keinen Hannibal Lecter übrigens, weil Finkeldey meint, dass Serienmörder keine schöngeistigen Genies sind, sondern »arme Würstchen« – auch das tut der Geschichte gut. Dazu all die Bedenken, die die Polizeiarbeit erschweren – zum Glück erschweren. Eine Massen-DNS-Erhebung soll zwar staatsanwaltlich durchgepaukt werden, bleibt aber nicht unkritisch unkommentiert, wie in jeder Tagesschau-Ausgabe, in der davon berichtet wird, ohne dahinter grobe rechtsstaatliche Mängel zu wittern. Überhaupt sind Finkeldeys Ermittler nicht sonderlich belichtet, Normalos, die sich selbst beim Googeln schwertun – Genies schlachten keine Menschen und sie sitzen halt auch nicht bei der Polizei.
Finkeldey, der übrigens einen Geheimtipp von Weblog führt, »Kritik und Kunst« mit Namen, erzählt mit seinem »Ostseeripper« eine Kriminalgeschichte, die sich auf nichts als die Realität stützt. Kriminalroman nicht Kriminalromantik. Er erzählt mit hoher Souveränität, erzählt zungenfertig. Das erste Kapitel, in dem er die bereits erwähnte Merrit vorstellt, ist von erzählerischer Meisterschaft. Die folgenden Kapitel gestalten sich näher am Genre, sind deshalb aber nicht minder imponierend geschrieben. Dass Finkeldey mit Worten und Sätzen umzugehen weiß, konnte bereits in seinem Weblog inspiziert werden – mit dem »Ostseeripper« hat er bewiesen, dass er es auch auf Papier kann. Er hat den Muff des Genres elegant umgangen und seinem Werk ordentlich Gesellschaftskritik untergehoben. Insofern vielleicht ein klassischer Kriminalroman, eine Kriminalgeschichte im Stile des französischen Kinos der Fünfziger- und Sechzigerjahre, in der der Kriminelle erklärt und nicht nur einfach gejagt wird.
Roberto De Lapuente in: Blog Lesebändchen, 18.01.2012
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