Schritt um Schritt in die Reformation - Roberto De Lapuente
Die Hammerschläge des Reformators
Normalerweise müsste man skeptisch sein, wenn jemand auf nur wenigen Seiten die Reformation und damit das Leben Luthers abbilden möchte. Eigentlich dürfte dies in relativ wenigen Worten kaum möglich sein – aber dürfte ins Konjunktiv und daher nicht zwangsläufig Tatsache. Manfred Lemmer jedenfalls gelang dies. Schritt um Schritt in die Reformation behandelt diese oftmals sehr trocken gehaltene Thematik spielend; zudem schrieb er unterhaltsam ohne bemüht zu wirken. Lemmer wusste – er ist bereits verstorben – sich jedoch glänzend lesenswert auszudrücken. Das ist ja nicht unbedingt üblicher Standard bei Büchern, die sich mit historischen Themen auseinandersetzen. Obwohl der Autor wissenschaftlich neutral über Martin Luther und die von ihm eingeleitete Reformation berichtet, bleibt für den Leser ein bitterer Nachgeschmack zurück. Luther, lange und immer noch häufig verklärt als fortschrittlicher Reformer und gerechter Mensch, er war beiderlei nicht. Der Luther, wie ihn uns Lemmer in seinem Buch vorstellt, ist kein Visionär; „hier stehe ich und kann nicht anders“ geriet im Laufe von Jahrhunderten mitsamt der Phrase von der „Freiheit eines Christenmenschen“ an falsche Konnotationen. Luther war kein Sozialreformer; er wollte die katholische Kirche reformieren, weil er diese vom wahren Glauben, der sich einzig und alleine an der Heiligen Schrift zu orientieren habe, abgefallen sah. Sola scriptura war seine Losung. Wir leben heute in Zeiten, da wir uns über jene ereifern, die im Namen ihrer geheiligten Schrift Sprengstoffe an ihre eigenen Leiber anbringen, um weitere Leiber mitzureißen in den Tod – auch sie besitzen letztlich, selbst wenn sie es gar nicht wissen, eine Parole, die sich mit sola scriptura benennen ließe. Der Augustinermönch orientierte sich nicht an den Belangen der Menschen, war nicht humanistisch inspiriert – die Bibel hatte für ihn das letzte Wort, war sein Fundament. Überspitzt gesagt: Luther frönte dem Fundamentalismus. Lemmer nimmt die Verklärung von Luther, auch wenn das sicherlich nicht sein Ziel gewesen sein mag; er wollte den Weg in die Reformation nachzeichnen – und das gelang im eindrucksvoll. Lutherverklärern wird Lemmers Aussage, wonach der Thesenanschlag wohl eine Legende gewesen sei, gleichwohl nicht besonders schmecken – immerhin, so schreibt er, sei es eine gute Legende, „denn sie lässt die Hammerschläge des Reformators gleichsam durch die Jahrhunderte hallen.“ Angereichert wurde Lemmers Text um einen Aufsatz von Oliver Pfefferkorn, der sich mit der sprachhistorischen Bedeutung von Luthers Werk beschäftigt. Ein Text, der dem Leser einen anderen Blick auf die deutsche Sprache ermöglicht und nicht nur für Sprachforscher interessante Aspekte birgt.
Roberto De Lapuente in: Blog Das Lesebändchen, 21.03.2011
-->
http://lesebaendchen.blogspot.com/2011/03/die-hammerschlage-des-reformators.html