Unzugehörig - Christian Klotz

Poetische Unvereinbarkeitsbeschlüsse

Der Titel von Lapuentes kleiner Sammlung von Blogeinträgen, die sich seit 2008 zu Gott und seiner – von Menschen schlecht eingerichteten – Welt meldeten, ist Programm. Die Wahl des „Unzugehörig“ lässt offen, wer da spricht. Der Autor über sich und sein Selbstverständnis? Oder ein missvergnügter Leser, der gerade noch an einem „Unzuständig“ vorbeigeschrammt ist?

In nuce hat man damit auch schon das zentrale Merkmal und das poetologische Geheimnis seiner Texte. Sie schillern in ihrer Ironie zwischen dem sarkastischen Aufschrei eines existenziell-pathetisch formulierenden Thersites und der satirischen Selbstdemontage des faschisierten Alltagsbewusstseins, das seine Ruhe in der „eingezäunten Welt“ haben möchte.

Woraus schon mal hervorgeht, dass diese Texte es insgesamt nicht mit dem Gehörtsich der Hörigkeit haben, sondern mit einer absurden Auflehnung, die sich des Gedankens und des empathischen Sprechens bedient. Beides geistige Figuren, die es nicht gerade mit einer höchsteigenhändigen Verhausschweinung zu tun haben. Denn der Gedanke ist im Gegensatz zu den merkwürdig idiotischen Gedächtnisleistungen von Quizmillionären ein liederlicher Gesell, eine asozial-randständige Existenz, notwendigerweise immer tendenziös, mit Sicherheit aber der verstoßene Sohn eines Erzeugers, den er verleugnen muss. Die Realität des Faschismus neuer Prägung setzt nun mal durchpädagogisierte Dinge in die Welt, die als sprachbegabte Werkzeuge manchmal gute Lust haben, lieber Menschen zu werden. Ein Thema, das ohne den Hass auf ausländerfeindliche, rassistische, sozialdarwinistische und reaktionäre Ausdünstungen aller Spielarten gegen die Versuchung des ohnmächtigen Verstummens nicht durchzuhalten ist.

Wenn man in dieser Räuberhöhle aufwacht und so schlecht drauf ist, wie schon seit seiner Pubertät nicht mehr, dann gerät man eben in die Versuchung, herausfinden zu wollen, an wem es denn nun liegt, an denen oder bloß an mir? Diese Schweinebacken ringsum lassen einem einfach keine andere Wahl. Dabei bestehen sie aber auf Dezenz der Wort- und Themenwahl. Zum Leidwesen aller Feinbeine verzichtet aber Lapuentes Philippika auf eine verbale Entkotifizierung vorgefundener Scheißhaufen überall dort, wo am Haufen nicht dessen Parfümiertheit als hervorstechendes Wesensmerkmal hervorzuheben ist. Da stellt sich dann beispielsweise die Integration des „Unzugehörigen“ nicht gerade als Betreuungsfall mit Migrationshintergrund heraus. Der Dreck darf dann ruhig was existenziell Erlittenes sein und bekommt gelegentlich in bitteren Parabeln über Macht und Ohnmacht seinen Namen: „Emanzipation an der Kette gleicht dem Atmen im Sarg.“.

Zum Themenspektrum der Sammlung gehört auch, dass beim Anblick der fast gestorbenen Gesichter unserer Elite und ihren Bütteln, den Sachbearbeitern, aus denen penetrant so gut wie unbekleidete Gefühlsähnlichkeiten penetrant hervor penetrieren, es einem über kurz oder lang ganz egal ist, ob die einen für einen daher gelaufenen Strolch halten. Und so inszeniert sich ein wortmächtiger Sisyphos in Rollenprosastücken, deren Respektlosigkeit allein schon genügt, ihn zum Impfmittel gegen alle Anfechtungen durch das offizielle Weltbild werden zu lassen. Heute zählt doch fast schon zu den Demagogen, wer sich einer wohlwollenden Einschätzung als Verwortungsarbeiter sinnig sinnstiftender Symbolwelten entzieht. Die ehemalige Kühnheit und Unbotmäßigkeit des Volkstribunen beim Einklagen von Defiziten, wurde vor den Wichtigen, die sich Kritik verbitten, mittlerweile zur dumm-dreisten Frechheit eines schmähsüchtigen Stänkerers umgewertet.

Dabei bedient sich De Lapuente beim wortmächtigen Durchhecheln und Durchdenken unerfreulicher gesellschaftlicher Verhältnisse eines durchaus geläufigen, auch vom Gegner geteilten Maßstabs, nämlich der Moral. Kein Wunder, dass beim Scheuern des Sisyphos an den engen Wänden einer immer enger werdenden Welt rhetorisches Pathos aufkommt. Und da macht man eine bestürzende Entdeckung: De Lapuentes strafende Satire gleitet deswegen an der medial erstellten Wirklichkeit ab, weil die derzeit gültige Moral der reibungslosen Selbstfunktionalisierung für die Vermehrwertungsprozesse noch nicht mal mehr ahnt, wo die ganze Aufregung über die Verschiebung aller sozialen Empfindungen in einem schleichenden Prozess der Faschisierung überhaupt herkommt.

Nur aus den Konklaven der Blogger steigt noch ab und zu Rauch auf. Und wer sich nicht abfinden möchte mit dem Geistlosen des Vorgefundenen und seiner Zwangsmoral, und wer wenigstens im Verständigungsakt des Lesens sich insgeheim eloquent gerächt erfahren möchte, der kann jetzt in dem Büchlein nachlesen, was der Rauch zu vermelden hat … Ganz bestimmt keinen neuen Papst.

Dem Büchlein wäre größtmögliche Verbreitung zu wünschen. Denn in die Lesebücher und die Stadtbibliotheken, also an den Torwächtern des veröffentlichten Bewusstseins vorbei, wird es wohl kaum Schleichwege finden.

 

Christian Klotz in: Blog Auto-Anthropophag, 22.12.2009

www.binsenbrenner.de/wordpress/2009/12/22/poetische-unvereinbarkeitsbeschlusse

 

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