Unzugehörig - Britta Madeleine Woitschig
Die Fackel brennt wieder
In der
besinnlichen Zeit des vergangenen Jahres jagte Roberto J. De Lapuente
seinem treuen Publikum einen kalten Schauer über den Rücken, verkündete
er doch am 22. Dezember auf seiner Seite „ad sinistram“ im Untertitel,
es habe sich ausgebloggt. Während der Hinweis in eigener Sache das
befürchtete Ende seiner prominenten Online-Kolumne entkräftete, indem er
stolz auf sein erstes Buch bei dem kleinen, unabhängigen
Renneritz-Verlag hinwies, zeigen die Kommentare, welchen Rang sich der
Sohn eines spanischen Einwanderers durch kontinuierliche Qualität
erarbeitet hat. Der zweite Schreck
folgte wenige Tage später in einem Hinweis auf sein Geleit, das
tatsächlich erst am 3. Januar 2008 geschrieben war. Weil ich zu den
mittlerweile 600.000 regelmäßigen Besuchern seines Manuskripts mit
digitalen Mitteln gehörte, war ich davon ausgegangen, dass er schon
längere Zeit fleißig gewesen war. Der rasante Aufstieg mit dem Gipfel
von 150.000 im ersten Jahr erstaunte mich dann doch.
Der erste
Eintrag seines Blogs, das den Titel der Online-Kolumne erläutert, bildet
in dieser Hinsicht sein politisches Manifest und verdient es, hier ganz
zitiert zu werden:
„ad si | nis |
tram (lat.); (nach links) [milit. schwenkt links, links um]
In einem
Staat, der stufenweise eine Überwachungs- und Polizeigesellschaft
heranzüchtet, der gezielt repressive Mittel einsetzt gegen diejenigen,
die ihm nicht genehm sind, der international zur früheren Großmannssucht
neigt, der die Rolle des Steigbügelhalters der Wirtschaft
perfektioniert hat, ist es Gebot des aufgeklärten Menschen, eine linke
Gegenöffentlichkeit aufzubauen. Eine Gegenöffentlichkeit, die den
herrschenden Gedanken - und damit den herrschenden materiellen
Verhältnissen - den Absolutheitsanspruch raubt und differente
Sichtweisen anbietet.
Daher: ad sinistram - links um!“
Diese Markierung
in den Weiten des globalen Netzes klingt zunächst martialisch, in der
konkreten Umsetzung wird jedoch erkennbar, dass De Lapuente ein feines
Garn spinnt und jedes seiner Worte, und erst recht diejenigen seiner
Gegner, auf die Goldwaage legt. Die fehlenden Kommentare der frühen
Einträge beweisen meines Erachtens hinreichend seine Stellung als
einsamer Rufer in der Wüste, der durch Querverweise zu anderen
unabhängigen Stimmen in Blogs sich seine Aufmerksamkeit hartnäckig
erwerben musste. Sein politischer Standpunkt ist aus meiner Perspektive –
glücklicherweise – nur die halbe Miete, denn der 1978 geborene
Ingolstädter lockt mit weiteren Qualitäten, die seine kurzen Texte über
die reine Kommentierung des Tagesgeschehens erheben und damit über das
Niveau der bekannteren Edelfedern des (gut bezahlten) Feuilletons der
sogenannten ‚Qualitätsmedien‘ hinaus.
In einem frühen Beitrag (der
sich im Buch findet) gesteht er, dass er sich als Migrant nach dem Tod
seines Vaters durch Assimilation an nationale Patrioten als ‚besserer
Deutscher‘ zu bewähren versuchte. Der Selbstbetrug scheiterte jedoch an
Merkmalen, durch die er ständig auf seine Makel zurückgeworfen wurde,
indem ihm zu erkennen gegeben wurde, dass er eben nicht dazugehörte,
selbst wenn er besser Deutsch sprach und schrieb als die Autochthonen –
wesentlich besser. Ginge es nach den Sonntagsreden der Lautsprecher der
sogenannten ‚Leitkultur‘ müsste sich De Lapuente inmitten der
Gesellschaft wiederfinden; seine lieben Mitmenschen weisen ihm dennoch
einen Platz als Außenseiter am Rande zu: Unzugehörig, wie der Titel
seines Buchdebüts lautet. Durch seine spitze Zunge und sein rhetorisches
Talent wendet er die vermeintlich mindere Position in einen Vorteil um.
Roberto
J. De Lapuente ist in meinen Augen ein Meister der kleinen
literarischen Formen. Das mögliche Publikum begrenzt sich durch seine
Ansprüche an korrekte Grammatik und ein elaboriertes Vokabular, das er
mit Kenntnissen philosophischer Klassiker wie Marcuse, Horkheimer und
Arendt unterfüttert, mit eigenen Erfahrungen auspolstert und mit
bitterböser Rollenprosa im Konjunktiv in geschmeidige Kritik verwandelt.
Die lateinischen Überschriften der Rubriken zeigen, dass sich De
Lapuente nicht anbiedert, indem er das Niveau auf den kleinsten
gemeinsamen Nenner absenkt. Nein, er bleibt ein humanistischer
Bildungsbürger in der außerparlamentarischen Opposition, der den
angepassten Parteien des Status quo nichts abgewinnen kann und seine
Vorbilder lieber in den anarchistischen Modellen der Pariser Kommune von
1871 oder dem befreiten Barcelona im Spanischen Bürgerkrieg findet,
bevor die Metropole durch den tödlichen Zwist linker Gruppen zu einer
leichten Beute des Generalissimo Franco wurde (siehe George Orwells
„Mein Katalonien“).
Seine gedrechselten Hypotaxen mögen auf den
ersten Blick für den leichten Genuss zwischendurch nicht geeignet sein;
Interviews wie das auf Telepolis zeigen jedoch, dass sein Zungenschlag
authentisch ist, zumal er im Gespräch ähnlich komplex bleibt. Seine
Texte kommen am besten bei Lesungen zur Geltung. Mit seiner Kunstfigur
„Roberto J. De Lapuente“ mag er politisch-kabarettistischen Größen wie
Volker Pispers, Georg Schramm, Urban Priol, Josef Hader und Wilfried
Schmickler konkurrieren, seine Glossen und Grotesken, seine Polemiken
und Pamphlete erfordern hingegen unbedingt ein feines Gespür, um
jegliche Nuance mitzubekommen. Mehrfaches Lesen fordert er geradezu
selbstbewusst heraus! Mit seinem Debüt in Buchform zeigt er, dass er das
Talent hat, jene Tradition fortzusetzen, die über „Die Fackel“ mit dem
feinhörigen Karl Kraus und über den „Hessischen Landboten“ mit dem
widerspenstigen Georg Büchner verbunden ist. Bislang durfte er in seiner
ungeliebten, weil missverstandenen Rolle als Sachverständiger im
Bereich Web 2.0 die Parlamentarier beraten, was ihm nicht besonders
behagte. Gegen einen Kotau vor den herrschenden Mächten und den
Charaktermasken ihrer Dienstklassen in Politik und Medien sträubt er
sich unnachgiebig, wodurch er zu einem unbestechlichen Zeugen der
Gegenwart wird.
Meines Erachtens besteht das einzige bedeutende
Risiko in der Selbst-Bestätigung einer ‚geschlossenen Gemeinde‘, in der
er sich lediglich an diejenigen richtet, die seine Meinungen teilen und
nicht mehr überzeugt werden müssen. Dieser Gefahr setzt sich jeder
Mensch aus, der an die breite Öffentlichkeit herantritt, bei „ad
sinistram“ lässt sich der Lackmustest allerdings auf einen Begriff
verengen, der nach meiner Erfahrung die Spreu vom Weizen scheiden muss:
„Taliban“ und „Faschismus“ sind zu inflationär verwendeten Reizwörtern
geworden, die je nach Nutzer mit teilweise sich widersprechenden
Bedeutungen und Meinungen aufgeladen sind. Die erstgenannte Variante
geht De Lapuente leicht von der Hand, da er ihn selten und im engsten
Sinne verwendet, während er „Faschismus“ als Grundpfeiler des
kapitalistischen Machtgefüges großzügig definiert und in den gegenwärtig
herrschenden Strukturen Parallelen zu historischen Vorgängern wie dem
Nationalsozialismus mit seiner aggressiven Kriegspolitik, der gezielten
Hetze auf Mitmenschen und der Spaltung der Gesellschaft in bessere oder
mindere Bürger erkennt. Das patriotische Abfeiern eines gespenstischen
Antifaschismus in hohlen Gedenktagen ist ihm zuwider; lieber wehrt er
den Anfängen, die ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen
lassen. Zu einer Schlüsselskizze (seines Buches) wird seine Analyse
„Hitler als Vorläufer“. Er will nicht auf eine banale Wiederholung des
menschenverachtenden Regimes als Diktatur warten, durch die sich die
demokratisch verfassten Parteien de facto durch eigene Ermächtigung
pauschal von möglichen Vergleichen selbst entschuld(ig)en. Mit Carl
Amery (und Theodor Adorno) teilt er die Ansicht, dass sich die
Mechanismen faschistischer Herrschaft sogar mit demokratischer Fassade
durchsetzen lassen, solange Demagogie, Demoskopie und Demografie im
Einklang die Bevölkerung einschüchtern. Die Hitlerformel besteht demnach
aus drei, einander ergänzenden Kriterien:
„1. [dem] Bekenntnis zur Geschichte als Naturgeschichte,
2. [der] Feststellung, dass es nicht für alle reicht, und
3. [der] Übernahme der Verantwortung dafür, wer wie an den knapper
werdenden Ressourcen des Planeten und damit an der Zukunft der
Menschheit beteiligt werden kann und soll.“ (Seite 119)
Mit erschreckender
Akribie weist De Lapuente täglich nach, wie jedes der drei Kriterien
seit Jahrzehnten unter Schlagworten wie ‚Globalisierung‘, ‚Freiheit‘,
‚Eigenverantwortung‘ und ‚lebenslanges Lernen‘ durch wiederholte
Kampagnen durchgesetzt wird. Entscheidungsträger lenken dadurch von
ihren Gestaltungsmöglichkeiten ab, indem sie behaupten, es gäbe keine
Alternativen zum Kapitalismus (TINA-Doktrin nach Margaret Thatcher). Auf
diese Weise wird von gezielten Manipulationen zum Nachteil des größten
Teils der Bevölkerung abgelenkt, während minderwertige Positionen auf
die Benachteiligten abgewälzt werden, die diese angeblich selbst
verschuldet haben sollen. Der Dank für die brutale Verachtung der Oberen
Zehntausend besteht in grausamen Fantasien der Vernichtung all jener,
die sich dem Druck des Nützlichen nicht mehr zu beugen und keinen
Mehrwert für die Aktienbesitzer und Investoren zu erwirtschaften
vermögen.
Britta Madeleine Woitschig in: Textem-online 03/10
http://www.textem.de/index.php?id=2003