Von lon der wisheit - Margarete Wein
Eine publizistische Festgabe war geplant, papierene Reminiszenz an das Kolloquium im Herbst 2008 zu Manfred Lemmers 80. Geburtstag – nun wurde, posthum präsentiert, eine Gedenkschrift daraus. Schon in der 2008 von Hans-Joachim Solms gehaltenen Laudatio wird benannt, was den halleschen Altgermanisten charakterisiert: vom vielseitigen Studium an der Alma mater halensis, Examen, Promotion, Habilitation und Institutsverbot in Halle, über Dozentur in Berlin und Rückkehr nach Halle bis hin zur Berufung auf den Lehrstuhl für „Geschichte der deutschen Sprache und älteren deutschen Literatur“ nach der Wende und zu wichtigen Arbeitsfeldern, die er auch noch als Emeritus beackerte.
Besonders brisant ist der erste Text von Nikolaus Henkel über „Sebastian Brant im Stasi-Land. Manfred Lemmer und eine Neugestaltung des ,Narrenschiff‘-Holzschnitts“. Wohl schon in den 60er Jahren erfolgte eine polit-kritische Aktualisierung eines Holzschnitts aus dem „Narrenschiff“, die zweifelsfrei Erich Mielke und Johannes R. Becher erkennen lässt. Kenner wird die vom gleichen Autor stammende Arbeit zu den „Carmina Priapae“ freuen, die zeigt, warum Sebastian Brant 1502 (durch sein „Narrenschiff“ von 1494 längst bekannt) jene Vers-Sammlung in seine Vergil-Ausgabe nicht aufnahm. Für Linguisten interessant dürfte der Artikel über das „Luthersche Translationsparadox“ von Nils Århammar sein, eine Analyse zum Gebrauch der Verben (ver)dolmetschen, verdeutschen, verwandeln, transferieren u.a. im Sinne des Übersetzens. Wie sehr sich Manfred Lemmer für die Gegenwartssprache interessierte, belegt der Beitrag von Ingrid Kühn.
Schließlich runden disziplin-, literatur- und sprachgeschichtliche Arbeiten die Gedenkschrift ab, die sich auch für Germanistikstudenten als nützliche Lektüre empfiehlt. Am Ende steht Irene Roch-Lemmers „Verzeichnis der Schriften von Manfred Lemmer“ mit fast 300 Titeln – und entlässt den interessierten Leser mit einem viel „wisheit“ versprechenden Leseplan.
Margarete Wein in: scientia halensis – Magazin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 18. Jg., Nr. 1/10, S. 36