Von lon der wisheit - Andrea Seidel
Würdigung eines Lebenswerkes
Anlässlich des 80. Geburtstages von Prof. Dr. habil. Manfred Lemmer (1928–2009) fand am 15. November 2008 ein Festkolloquium der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg statt. Zahlreiche Freunde, Schüler und Mitarbeiter würdigten das Lebenswerk des Altgermanisten. Manfred Lemmer, Schüler von Georg Baesecke, Karl Bischoff und Werner Schröder, hat umfangreichste Forschungen zur Literatur- und Sprachgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit hinterlassen. Im Zentrum seines wissenschaftlichen Interesses stand seit den 60er Jahren vor allem Sebastian Brants Narrenschiff – auf das auch der Titel der Gedenkschrift Von lon der wisheit Bezug nimmt – und die damit verbundenen Traditionen und Wirkungen. Ab 1983 lehrte Manfred Lemmer als Dozent für Sprachgeschichte, seit 1986 als außerordentlicher Professor. Im Jahr 1991 erhielt er die Professur des neu eingerichteten Lehrstuhls für „Geschichte der deutschen Sprache und älteren deutschen Literatur“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Die nun vorliegende Gedenkschrift vereint sowohl Laudatio, Grußwort und Vorträge des Kolloquiums, weitere Beiträge von Kollegen und Schülern sowie die zahlreichen Würdigungen, die im Rahmen der späteren akademischen Trauerfeier vorgetragen wurden. Einen Einblick in die außergewöhnliche Vielfalt der wissenschaftlichen Arbeiten Manfred Lemmers wird durch sein Schriftenverzeichnis vermittelt. An diese Publikationen anknüpfend, versammelt der Band zahlreiche Forschungen auf dem Gebiet der deutschen Philologie von Nils Århammar, Rudolf Bentzinger, Rolf Bergmann, Kurt Gärtner, Detlef Goller, Nikolaus Henkel, Ingrid Kühn, Uwe Meves, Oliver Pfefferkorn, Hans-Gert Roloff, Andrea Seidel, Ulrich Wenner und Thomas Wilhelmi. Die Beiträge offerieren ein breites Spektrum u.a. zu Martin Luther, zur Fachgeschichte, zum Dialekt, zur satirischen Schreibart und mehrfach zu Sebastian Brant. Dabei ist vor allem der Abdruck einer Neugestaltung eines „Narrenschiff“-Holzschnittes von Interesse, denn dieses „Flugblatt“ sendete Manfred Lemmer auf dem Postweg Anfang der 80er Jahre aus der DDR in die Bundesrepublik.
Der Holzschnitt zeigt, wie im Original, ein Schiff, das mit 13 Narren an Bord ohne Anker, Segel und Mast richtungslos auf der See treibt. Diese Veränderungen bei der Neugestaltung waren äußerst brisant: Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit der DDR von 1957–1989, und Johannes R. Becher, Minister für Kultur der DDR von 1954–1958 steuern unter einer Fahne mit DDR-Emblem ins Ungewisse. Doch nicht nur die Figuren, auch ihre obszönen Handlungen entlarvten das DDR-System: die Staatssicherheit missbraucht die Justitia, wohl wissend, dass es in der DDR nur bedingt Recht und Gerechtigkeit gab. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall könnte man die Neugestaltung des Holzschnittes durchaus als eine Vision auf den Untergang der DDR interpretieren.
Das Buch wird der Öffentlichkeit in einer Festveranstaltung der Salzwirker-Brüderschaft im Thale zu Halle präsentiert. In diesem Rahmen wird den Halloren ein Silberbecher übergeben, gestiftet von Manfred Lemmer, der Schwager dieser Brüderschaft war.
Andrea Seidel in: Kulturreport. Vierteljahreshefte des Mitteldeutschen Kulturrates, Heft 59/60, November 2009, S. 46/47