Von lon der wisheit - Christian Eger
Und von Halle aus sticht das Narrenschiff in die See
Sebastian Brants Moralsatire "Das Narrenschiff" (1494) war ein Lebensbuch für den halleschen Altgermanisten Manfred Lemmer - in wissenschaftlicher und wohl auch in weltanschaulicher Hinsicht. Denn die Dummheit höret nimmer auf, der Brant zu begegnen sucht, indem er mehr als 100 lasterhafte Gestalten in Richtung "Narragonien" verschifft.
Manfred Lemmer, der im Februar vorigen Jahres 80-jährig gestorben ist, hatte diesen ersten deutschsprachigen Bestseller für sich selbst entdeckt - nach einem Hinweis seines Lehrers Georg Baesecke. Dieser hatte dem jungen Wissenschaftler empfohlen, dass er es vermeiden müsse, als Forscher ein Feld zu betreten, auf dem schon Kollegen ackern. Besser: Man sucht sich eine Wiese, deren Gras hoch genug ist, um selbst grasend satt zu werden. In diesem Gras fand Lemmer das Narrenschiff, mit dessen philologischer Erforschung sein Name untrennbar verbunden bleibt - neben seinen vielen Arbeiten unter anderem zu den Brüdern Grimm, zur Heiligen Elisabeth oder zu den Kochbüchern des Mittelalters.
So erscheint 1962 bei Niemeyer in Tübingen Manfred Lemmers erste Textausgabe des "Narrenschiffes", drei Auflagen folgen bis 2004. Er legt die Holzschnitte als Insel-Büchlein vor, daneben Studien zur Werk- und Wirkungsgeschichte.
Ein "Narrenschiff"-Holzschnitt ist nun auch auf dem Titel des Gedenkbuches zu finden, das dem Altgermanisten gewidmet ist, der in Halle studierte und lehrte. Ein von den Kollegen Kurt Gärtner (Trier) und Hans-Joachim Soms (Halle) herausgegebener Band, der unter dem Brant-Zitat "Von lon der wisheit" Beiträge von 16 Autoren versammelt - Freunden und Weggefährten von Manfred Lemmer, der nicht nur der Fachwelt, sondern auch den Lesern der Mitteldeutschen Zeitung ein Begriff war: mit seinen Kolumnen zur halleschen Mundart ("Uffjeschnappt").
Lemmer, 1928 in Halle geboren und dortselbst von 1991 an bis 1995 zu seiner Emeritierung Lehrstuhlinhaber für die Altgermanistik, ist ein Ausnahmegelehrter gewesen - und das weit über die Region hinaus. Das brachte er mit: eine hohe menschliche - was vor 1989 eben auch hieß politisch-sittliche - Integrität. Eine akademische und pädagogische Leidenschaft, die sich mitteilte. Einen Humor, der persönlich stärkte und wissenschaftlich erhellte. Ein akademischer Lehrer ist ja zuerst und zuletzt nach den Qualitäten seiner Persönlichkeit zu beurteilen; in Zeiten der neuerlichen Verschulung des Studiums darf man daran wieder erinnern. Dass es möglich war - und zu welchem Preis -, in der DDR wissenschaftlichen und vor sich selbst sittlichen Maßgaben zu genügen, zeigt der über Jahrzehnte karrierefreie akademische Weg Manfred Lemmers. Allein deshalb kam er 1986 zu einer außerordentlichen Professur in Halle, weil die DDR mit Luther Staat zu machen suchte - dazu brauchte man Fachleute. Für Lemmer, der nach 1989 auch als Institutsdirektor dienen musste, kam das Ende der DDR einer Befreiung gleich. Alles das ist nachzulesen in diesem Buch des Gedenkens, in dem auch der akademische Laie Unterhaltung findet. Vergnüglich sind Lemmers sprachkritische Auslassungen zu Meldungen der MZ: "Der clevere Laminatboden: schnelle Verlegung ohne Leim!" Lemmer: "Toll, jetzt sind schon die Fußböden clever!" Und: "Rabattfröhliche Weihnachten!" Lemmer: "Endlich mal nicht nur ,fröhliche'!" Interessant ist die dokumentierte Bearbeitung eines "Narrenschiff"-Holzschnittes, den Lemmer vor 1989 als Briefkopf nutzte: Inmitten der Narren sind unter der DDR-Flagge der Geheimdienst-Chef Mielke und der erste Kulturminister Johannes R. Becher zu erkennen. Falls wieder einmal jemand wissen will, was unabhängige Wissenschaftsausübung unter DDR-Bedingungen hieß: In diesem Buch kann er fündig werden.
Christian Eger in: Mitteldeutsche Zeitung, 08.08.2010